Mohrwind, Maria

Maria Mohrwind und JuanMaria Mohrwind sagt:

„Ich bin 56 Jahre alt und das mittlere Kind aus einer neunköpfigen Familie, immer die pummeligste und auch die frechste. Ich ging in eine reine Mädchenklosterschule. Nach dem Schulabschluss sollte ich Teller waschen in einem Wirtshaus in unserer Nachbarschaft. Das wollte ich aber nicht und zum ersten Mal setzte ich meinen eigenen Willen erfolgreich durch und begann eine Friseurlehre in einer 20km entfernten Ortschaft, die ich mit einer Gesellenprüfung beendete.

Mit 19 Jahren stürzte ich mich in eine Ehe und bekam ein Mädchen und einen Jungen. Wir kauften ohne einen Groschen Eigenkapitel eine Ruine und nach acht Jahren Ehe bewohnte ich mit den Kindern die Ruine alleine. Die Schulden waren inzwischen um vieles mehr, als das Haus wert war und so jobbte ich in drei verschiedenen Jobs und baute das Haus selbst um. Es ist mir schon passiert, dass ich auf der Toilette einschlief, mit dem Stemmhammer in der Hand, weil ich im Bad nachts noch einen Ausguss stemmte.

Ein junger fescher Bergsteiger besuchte mich manchmal, nicht zum Arbeiten sondern zum Zeitvertreib, nichts Ernstes und doch so ernst, dass ich nach vier Jahren ein Kind von ihm bekam. Ein Sonnenkind!

Nach dem der Vater des Kindes Extrembergsteiger ist blieb die Beziehung zwanglos locker, bis er mir eines Tages einen Heiratsantrag aus der Atacama-Wüste/Chile schickte. Seine Finger waren auf dieser Tour erfroren und so saß er alleine mit seinen Schmerzen in einem Zimmer und fasste den Entschluss mich zu ehelichen. Unser Sohn war nun schon fünf Jahre und freute sich mit seinen Halbgeschwistern auf das Großereignis. Mit vierzig Jahren und drei Kindern, stand ich ganz in weiß, zum Entsetzen von hundert Gästen, zum 2. Mal vor dem Traualtar!

Dann kam die Katastrophe. Vieles wurde mir einfach zu viel. Die Kinder waren fast erwachsen und ich war gewohnt immer nur für alle anderen da zu sein. Ich brach zusammen, was ich lange nicht wahr haben wollte. Erst eine tolle Psychologin und Medikamente ließen mich erkennen wie krank ich wirklich war.

So wechselte ich die Lebensspur und ich lernte mühsam jetzt auf mich zu achten. Das fiel mir sehr schwer. Als ich immer wieder umfiel und zwölf Stunden liegen musste, bevor ich wieder aufstehen konnte und es anschließend war, als hätte ich nichts gehabt, erkannte ich, wie weit die Krankheit schon fortgeschritten war. Ich wollte in keine Irrenanstalt/Psychiatrie und hatte Angst, dass mich womöglich niemand mehr heraus holen würde.

Vor vielen, vielen Jahren fuhr ich durch Galizien und sah einen Wanderer mit einem großen Rucksack, in Begleitung eines Hundes den Straßenrand entlang spazieren. Ich dachte mir, das mach ich auch einmal! Später erfuhr ich dass dieser Mann auf dem Pilgerweg unterwegs war.

Als ich nun (sehr zum Bedauern meinerseits) nur mit Nerventabletten den Alltag meistern konnte, fiel mir dieser Mann wieder ein und ich dachte, ich habe doch jetzt auch einen Hund und so war die Idee geboren, den Jakobsweg zu gehen. Ich besuchte einen Vortrag und fragte den Vortragenden ob ich alleine auch gehen könnte und er meinte, „nur alleine ist der Weg wirklich schön“ und schwärmte mir von allen guten Kneipen und Gegenden vor.

Untrainiert, mit 35kg Übergewicht und ohne Sprachkenntnisse machte ich mich auf den Weg in dieses Abenteuer. Eigentlich hatte ich gar nicht vor den ganzen Jakobsweg zu gehen. Ich wollte nur einmal, für mich ganz alleine sorgen und das, stellte sich heraus, war oft anstrengend genug. Ich dachte, ich bleibe halt einfach ein paar Tage in einer schönen Ortschaft und wenn ich will gehe ich wieder ein paar Schritte. Ich musste niemanden etwas beweisen, ich wollte einfach nur mich spüren und hören.

Ja, und seit diesem Weg (der 40 Tage dauerte) höre ich mich, nicht immer, aber ich höre mich viel, viel öfter als ich es mir jemals erträumen hätte lassen. Nicht nur die anderen haben recht, erkannte ich. Ich fühle was ich denke und denke, was ich fühle ist richtig. So haben die Menschen die Macht über mich verloren und ich bin frei von vielen Zwängen.

Natürlich hätte ich auch gerne 30kg weniger und… und… Doch spüre ich eine unendliche Dankbarkeit, dass ich so bin, wie ich bin, dass ich Augen zum Sehen habe und Arme zum Arbeiten, ein Herz das fühlt und schneller schlägt, wenn ich mich freue oder der Berg mir zu steil wird. So vieles kann ich heute spüren und ist mir bewusst. Ja, ich bin dankbar, dass mich Gott liebt wie ich bin und wenn er mich so lieben kann, kann ich es auch!
Das und vieles mehr, hat mich der Jakobsweg oder besser gesagt die Zeit auf dem Camino gelehrt. – Wenn ich heute mit dem Hund einen Spaziergang mache, kommt es mir vor als wäre ich wieder auf ihm unterwegs, denn das Gefühl und der Blick für die Natur haben sich geschärft.

Wenig brauche ich heute für mein Glück, oft gar nichts. Ein warmes Bett, eine warmes Bad, ein kühles Bier, ein freundliches Lächeln von einer unbekannten Person, das alles ist Glück und Freude!
Auf dem Jakobsweg dachte ich nicht dass sich mein Leben verändert hat, ganz im Gegenteil, oft fragte ich mich: Warum tu ich mir das eigentlich an. Aber heute, Jahre später weiß ich, die Camino-Tour hat mich geheilt und mich gestärkt!“

Maria

Original-Einladung 11.04 2011 als PDF öffnen.

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