“Ein abenteuerliches Vermächtnis”

Fortsetzungsroman

    Abenteuer-, Kriminal-, Seefahrt-, Liebes-Roman und Reiseführer
v o n

 

                                                               K L A U S    J.   H E Y L

                                                                          Kapitel 01 und 02
 
Das Ruder, Fotolia Berlin

 

Die gefährlichste aller Weltanschauungen

ist die Weltanschauung der Leute,

welche die Welt nicht angeschaut haben.“

Alexander von Humboldt

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Bildgestaltung Natascha L. Michnow

(Wobei Wikipedia dankenswerterweise sehr Hilfreich war. Wenn Sie jeweils mehr erfahren wollen über dies und das, klicken Sie www.wikipedia.com und geben Sie ein entsprechendes Suchwort dazu.)

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K a p i t e l    R e g i s t e r :

01) Hamburgische Impressionen

02) Und Erstens kommt es anders

03) Die große Versuchung

04) Eine folgenschwere Entscheidung

05) Freundschaft auf italienisch

06) Das große Chaos

07) Ein tränenreicher Abschied

08) Tschüss, ihr Landratten

09) Korsika, wir kommen

10) Marseille, oh la, la…

11) Auf zu spanischen Ufern

12) Schau mir in die Augen, Kleines

13) Meer, Meer und noch mehr Meer

14) Samba, Cocos- und andere harte Nüsse

15) alte Freunde und neue Gefahren

16) Kühle Drinks und heiße Nächte

17) Tango am Rio del la Plate

18) Karibik Feeling pur

19) Uncle Sam is watching you

20) Bananan und andere Früchtchen

21) Aufregung in Panama und Ecuador

22) Nach Westen, in tödliche Gefahren

23) Folgenreiche Südseeparadiese

24) Im Land der großen weißen Wolke

25) Nach Down Under, unter Schwierigkeiten

26) Indonesien, Herausforderung mit Licht und Schatten

27) Borneo, eine schicksalhafte Insel

28) Taiwan, zwischen Traditionen und Moderne

29) Hongkong der geheimnisvolle Schmelztiegel

30) Horrorfahrt im chinesischen Meer

31) Eine Reise in die koloniale Moderne

32) Orientalische Erkenntnisse

33) Käpt´n Pia´s aufregender Törn

34) Spuren im Ägyptischen Sand

35) unliebsame mediterrane Momente

36) Aufregung bei Sardinien

37) Epilog

 

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01. Hamburgische Impressionen

 

Der Regen trommelt dumpf auf das Kopfsteinpflaster. Die antiken Straßenlaternen tauchen alles in ein schummriges, milchiges Licht und lassen Gehwege und Straßen glänzen. Florentine stolziert unsicher auf ihren Pumps, Pfützen ausweichend, über das Pflaster und flucht leise über das Wetter. Links und rechts, mit Einkaufstüten bepackt, ist Sie auf dem Weg zum Architekturbüro Ihres Vaters in der historischen Hamburger Speicherstadt.

Georg Lindner, von seinen Kindern und guten Freunden „Giorgio“ gerufen, will heute Abend mit ihr zu Enrico, dem Italiener in den Alsterarkaden gehen. Es ist ihr persönlicher Abend, der leider in letzter Zeit viel zu selten stattfand. Monatelang war sie mit ihrem Abitur beschäftigt und, als das Ganze dann endlich zu einem glücklichen Ende kam, fanden noch jede Menge Feiern mit Ihren Freunden aus diversen Leistungskursen statt.

Giorgio, frischer Gewinner eines Architektenwettbewerbs, in dem es um einen Terminauftrag für den Bau eines großen Bürogebäudes in Lübeck ging. Er und sein Partner Hubertus Meyerdierks brüteten wochenlang bis in den späten Abend über Planungen, Kalkulationen, Baubeschreibungen und Ausschreibungstexten. Seine Familie hat er nur wenig zu Gesicht bekommen. Jetzt kann er endlich etwas durchatmen und freut sich, mit seiner Jüngsten einen gemütlichen Abend bei ihrem Lieblingsitaliener zu verbringen.

Er ist gerade mit der Prüfung einer Ausschreibung beschäftigt, die er heute noch fertig haben will, als es an der Bürotür klingelt. „Ich mach auf.“ ruft Theo, die eigentlich Friederike Theodoris heißt, aber von allen nur Theo genannt wird. Sie ist Bauzeichnerin, Sekretärin und Mädchen für alles, also die gute Seele des Unternehmens. Das Unternehmen ist das Architekturbüro Georg Lindner & Hubertus Meyerdierks in der Speicherstadt, dem alten Hamburger Gewürzhafen und besteht in der Regel aus fünf Mitarbeitern. Das besondere Flair der alten Gewürzspeicher, in denen man die Weltoffenheit der Stadt atmen kann, sowie die Nähe zum Hafen, inspirieren Giorgio und Hubertus immer wieder aufs Neue und regen Ihre Kreativität ungemein an.

Obwohl es nun schon fast sieben Uhr abends ist, sitzt Theo noch am Zeichenbrett und brütet über einem Detail für den Eingangsbereich des Lübecker Bürogebäudes. Sie ist 30 Jahre, zierlich, recht hübsch, dunkelhaarig. Nach ihrem griechischen Vater ein fröhlicher, südländischer Typ. Ihr Freund, mit dem sie schon lange zusammenlebt, ist als Reederei Agent tätig und wieder einmal auf Reisen. Sie hat also Zeit und keine Lust, den Abend allein zu Hause abzuhängen. Also arbeitet sie weiter und meint nur, es muss ja sowieso gemacht werden.

Giorgio hört sie rufen „Hallo Flo, hast Du die Hamburger Boutiquen leer gekauft“? Florentine wird von allen nur Flo gerufen, obwohl sie das nicht besonders mag, weil das ihrer Meinung nach so kindlich klingt. Aber sie konnte es weder Ihrer Familie, noch Ihren Freunden abgewöhnen also beließ sie es dabei. Giorgio ahnt was jetzt kommt und stellt sich darauf ein, noch eine halbe Stunde ungestört weiter zu arbeiten, da die beiden Frauen jetzt erst mal Flo´s neueste Errungenschaften modetechnisch durchhecheln und das kann dauern.

In dem Moment denkt er wehmütig an seine geliebte Frau Charlotte, die er durch einen Autounfall im Winter vor vier Jahren, viel zu früh verloren hatte. Ihr Wagen kam durch plötzlich auftretendes Glatteis ins rutschen, durchbrach ein Brückengeländer und stürzte sechs Meter tief in einen Alsterkanal. Sie starb durch einen Genickbruch und war sofort tot. Wie gern hatte auch Charlotte mit ihren beiden Mädchen mal einen „Frauentalk“ wie sie es nannte abgehalten, der für alle, äußerst wichtig war. Er hört Flo und Theo nebenan tuscheln und lachen. Seine Gedanken schweifen zu seinen drei Kindern.

Pia die eigentlich Patricia heißt, Max, der im richtigen Leben auf Maximilian hört und eben Flo hatten den jähen Verlust der Mutter, gerade in ihrer wohl schwierigsten Lebensphase, zumindest oberflächlich, einigermaßen gut weggesteckt. Giorgio weiß natürlich, dass alle drei, genau wie er selbst, immer wieder Momente durchmachen, wo ihnen die Endgültigkeit des Todes schwer zu schaffen macht. Immerhin war Florentine zum Zeitpunkt des Unfalls erst 15, ihre Schwester Patricia 17 und Maximilian, der älteste 19 Jahre alt.

Sie hatten in dieser schweren Zeit eng zusammengehalten. Er versuchte, seinen Kindern Vater und Mutter zugleich zu sein, was natürlich nur bedingt klappte. Aber nach einer kurzen, chaotischen Phase, hatte jeder seinen Platz in der Familie gefunden und wie selbstverständlich Pflichten übernommen, um die Familie in Gang zu halten.  Diese Phase hatte die vier eng zusammen geschweißt und die zahllosen Streitereien unter den Kindern, vor allem zwischen den beiden Mädchen, gehörten zum Glück endlich der Vergangenheit an. Sicher, auch jetzt fliegen hin und wieder die Fetzen, aber das ist im Gegensatz zu früher nur noch harmloses Geplänkel.

Durch den frühen Tod Ihrer Mutter, sind seine Kinder wesentlich reifer geworden, was natürlich auch auf Kosten Ihrer, bis dahin unbeschwerten Jugend ging.Er lehnt sich zurück, blickt verträumt aus dem Fenster auf die erleuchtete Speicherstadt und empfindet in diesem Moment einen unbändigen Stolz auf seine Kinder. Maximilian hatte unmittelbar nach dem Unfall, trotzdem ein, sagen wir mal, ordentliches Abitur hingelegt und sich dann für vier Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet, um auf andere Gedanken zu kommen. Vor 5 Wochen fertig geworden, hat er sich nun für ein Jurastudium entschieden und an mehrere Uni´s Bewerbungen geschickt. Er wartet ungeduldig auf positive Antworten für einen Studienplatz.

Patricia hatte, trotz der psychischen Anspannung, ein gutes Abitur geschafft und war erst vor kurzem aus Florida zurückgekehrt, wo sie eineinhalb Jahre, um Abstand zu gewinnen, als Au Pair gearbeitet hatte. Der Aufenthalt in Amerika hat ihr gut getan und sie selbstständiger und toleranter werden lassen. In den USA leben könnte sie aber nicht, war sie überzeugt, da ihr der American way of life oder zumindest das, was Sie dort davon kennen lernen konnte, als zu oberflächlich erscheint und sie schon durch Ihre Erziehung kulturelle Ansprüche in Hinblick auf Architektur, Musik und Literatur hat, die Ihr zumindest Florida nur sehr begrenzt bieten konnte. Ein Leben in Italien, Frankreich, Spanien oder England kann sie sich da schon viel eher vorstellen. Sie möchte Veterinärmedizin studieren, weiß aber noch nicht wo und ist zur Zeit dabei, die verschiedenen Vor- und Nachteile der in Frage kommenden Unis zu erkunden.

Auch Flo, seine Jüngste, ist jetzt mit der Schule endlich fertig und hat, nach zwischenzeitlichen großen Problemen, die sie und Giorgio zeitweise stark belasteten, nun ebenfalls ein 2,9 Abi in der Tasche, weiß aber noch nicht, ob sie studieren soll und wenn ja, was, oder ob sie nicht doch lieber gleich reich heiraten soll. Auf jeden Fall möchte sie erst mal eine schöpferische Pause einlegen und hat im Moment keinen Bock auf Lernen. Giorgio legt, nach all dem seelischen und geistigen Stress der letzten Jahre dafür durchaus Verständnis an den Tag, solange diese Phase nicht unendlich andauert.  Da sie sich von seinen Kindern am meisten für seine Arbeit im Architekturbüro interessiert, gut zeichnet und ihn häufig mit unkonventionellen Ideen überrascht, hat er die geheime Hoffnung, das Flo sich für ein Architekturstudium begeistern könnte und vielleicht eines Tages in seine Firma einsteigt. Er wird dies jedoch ungefragt nie laut äußern, geschweige denn versuchen, sie zu beeinflussen.

Giorgio, ist jedenfalls fest davon überzeugt, dass Charlotte, von wo auch immer sie ihrer Familie zusieht, ebenso stolz auf die Entwicklung ihrer Kinder ist.

Die Bürotür wird aufgestoßen und reißt ihn jä aus seinen Gedanken. Flo kommt mit strahlendem Gesicht herein, dicht gefolgt von Theo. Schau mal Giorgio, meine neuen Schuhe und der Rock, ist der nicht süß? Passend dazu habe ich noch ne schicke Handtasche ergattert!“  Giorgio schaut bedächtig und brummte geflissentlich, „Ja, steht Dir gut und sieht toll aus, aber hast Du alles Geld vom bestandenen Abi schon wieder auf den Kopf gehauen“? Ach, Unsinn das waren alles Schnäppchen, da konnte ich nicht dran vorbei gehen“. Schmunzelnd muss er anerkennen, dass seine Tochter heute Abend mit Ihren 170 cm, ihrer tollen Figur, den brünetten langen Haaren und ihren großen, ausdrucksvollen Augen wirklich bildhübsch aussieht.

Er räuspert sich, „So, meine Damen, jetzt ist Feierabend, hier ist nichts so dringend, das es morgen nicht noch dringender wäre. Also Flo, wir gehen jetzt zum Italiener und Sie, Theo machen auch, das Sie nach Hause kommen“. Nöö Chef, mein Ulli ist schon wieder in Alexandria und mir fällt zu Hause die Decke auf den Kopf. Ich mach den Entwurf noch fertig und gehe dann mit einer Freundin ins Kino, in die Spätvorstellung“. „Machen Sie, was Sie für richtig halten!“ brummt Giorgio wohlwollend, steht auf, nimmt Flo am Arm und beide stolzieren Richtung Ausgang.  Eines von Giorgios Hobby´s ist gutes Essen, obwohl man diesem großen, gertenschlanken Mann das nicht ansieht. Er geht leidenschaftlich gern essen und probiert auch immer wieder neues und fremdländisches aus.

Erst kurz vor Mitternacht schließen Flo und Giorgio die Wohnungstür der großen, stilvollen Altbauwohnung in der St. Benedictstraße im schönen Stadtteil Eppendorf auf.

Die Wohnung in der obersten Etage dieses prachtvollen, alten Jugendstilhauses hatten Charlotte und Giorgio vor zehn Jahren gekauft und liebevoll, mit vielen interessanten, architektonischen Details umgebaut und eingerichtet.  Beide sind in weinseliger Stimmung und freuen sich auf den Rest der Familie. Jemand zuhause“? ruft Giorgio.

Aus dem Wohnzimmer hören sie leises Gemurmel und wissen sofort, dass Patricia ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgeht, dem Telefonieren. Sie kann stundenlang mit ihren Freunden, vor allem aber mit ihrer Freundin Naina quatschen. Giorgio wundert sich oft, woher die Beiden nur den Gesprächsstoff nehmen. Aber als Mann bleibt ihm das wohl für immer ein Rätsel.

Auch Maximilian ist mit seiner Freundin Theresa zu Hause. Beide hören in seinem Zimmer alte Jazzplatten. Jazz, vor allem Old Time Jazz sind die große Schwäche von beiden. Sie sind nun schon fast zwei Jahre zusammen und seitdem nahezu unzertrennlich. Theresa Lauritzen, die jüngste Tochter von Heinrich Lauritzen, dem Hamburger Kaffeebaron hat jedoch mit Kaffee so gar nichts am Hut. Sie macht zur Zeit eine Lehre als Luftverkehrs-kauffrau bei der Lufthansa und will unter allen Umständen finanziell unabhängig, von den Männern im allgemeinen und ihrer Familie im besonderen sein, wie sie immer wieder betont. Sie liebt zwar ihren Max und ihre Familie sehr, hat aber im Freundeskreis auch genügend Problemfälle miterlebt und sich geschworen, sich auf jeden Fall ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Außerdem hat sie das spanische Temperament und die Schönheit ihrer Mutter geerbt und lässt sich von einmal gefassten Entschlüssen nur sehr schwer abbringen.

Die großen, braunen Augen funkeln dann und stehen in einem harmonischen Einklang mit ihren langen, braunschwarzen Haaren. Das größte Problem sieht sie jedoch im Moment darin, das Max in Erwägung zieht, sich bei der Uni in Freiburg für Jura zu bewerben. Sie können dann für lange Zeit nur noch eine Fernbeziehung führen. Insgeheim aber hofft sie, dass Max sich doch noch für die Hamburger Uni entscheidet. Als Plan B überlegt sie aber auch, Max zuliebe zur Not ihre Lehre in Freiburg fortzusetzen.

Nehmt Ihr als Schlaftrunk noch ein Glas Wein mit uns“? Fragt Giorgio und steuert bereits den großen, massiven Buchentisch in der Küche an, stellt die Gläser ab und greift nach einer Flasche piemonteser Barolo. Er weiß das alle diese, leider viel zu seltenen Momente lieben, wo am Abend die ganze Familie noch einmal zusammenkommt und man den Tag Revue passieren lassen kann. Der Wein funkelt bereits samtig rot in den Gläsern als Patricia es endlich geschafft hat, das Telefonat zu beenden und zu ihnen in die Küche kommt.               In dieser weinseligen Stimmung fällt Giorgio wieder einmal auf, wie schön Pia ist. Mit ihrer Größe von 176 cm, den bildschönen Beinen, dem langen blonden Haar, der schlanken weiblichen Figur und den ausdrucksstarken, blauen Augen erinnert sie ihn sehr an Charlotte, als er sie kennen lernte. Von all seinen Kindern ist Pia ihrer Mutter im Aussehen, aber auch im Wesen am ähnlichsten.

Es ist keine normale, funktionale Küche, sondern ein großer, gemütlicher Raum in warmen Farben. Charlotte hatte ihn noch mit viel Geschmack im toskanischen Landhausstil, mit einem alten Terrakottaboden, viel Pinienholz und besonderen Wischtechniken an den Wänden, eingerichtet. Hier hatten sie schon viele lebhafte, gemütliche, aber auch traurige Abende verbracht.

Ist jemand noch mit Columbus unten gewesen“? wollte Giorgio wissen und erntete ein nicken von Patricia. Columbus, ihr neun Jahre alter Schäferhund Mischling, wird von allen Familien-mitgliedern heiß geliebt. Er ist ein überaus liebenswerter Typ, der es versteht, mit großem, unschuldigem Hundeblick bei seinen Leuten fast alle Wünsche durchzusetzen. Jetzt schläft er unter dem Tisch.

Flo muss ihren Geschwistern und Theresa natürlich unbedingt die neusten Errungen-schaften vorführen und erhält zustimmende Blicke. „Was wohl Laurin dazu sagen wird“? frotzelt Max und meint damit Flo´s Freund, den sie heiß und innig liebt. Dem ist es egal, der liebt mich auch in Kartoffelsäcken!“ giftet Flo. Da sei Dir nur nicht so sicher, Männer fahren in erster Linie auf äußere Reize ab“, neckt Max weiter. Schon ist Theresa auf dem Plan und ruft mit gespielter Entrüstung: „Aha, das ist ja interessant, dann willst Du mich wohl auch nur wegen meines Äußeren und nicht meiner selbst willen?“ Max grinst nur. Flo läßt sich aber nicht beeindrucken und streckt ihm fröhlich die Zunge raus.

In diesem Moment fällt Giorgios Blick auf den Stapel Post, den Frau Herzig fein säuberlich auf die Kommode gelegt hatte.Henriette Herzig ist bereits seit über 20 Jahren als Haushälterin, Köchin, Waschfrau, Kummerkasten und beste Freundin im Hause Lindner tätig und eigentlich unbezahlbar. Jeden Morgen, pünktlich um sieben Uhr schließt sie die Haustür auf und Abends um sechs Uhr ist sie ebenso pünktlich wieder verschwunden. Sie wird in einem halben Jahr 65, will dann bei den Lindners aufhören und ihren wohlver-dienten Ruhestand mit ihrem Traum von einem eigenen kleinen Häuschen auf der Insel Amrum wahr machen. Gerade für die Kinder gehört Frau Herzig absolut zur Familie und somit zum Inventar. Keiner in der Familie kann sich vorstellen, geschweige denn daran glauben, dass sie es wahr machen wird, die Familie zu verlassen. Frau Herzig war nie verheiratet und hat auch keine Verwandten mehr, sondern nur eine Freundin, die auf Amrum lebt und ihr diesen Floh ins Ohr gesetzt hat.

Giorgio steht auf, holte sich den Stapel Post an den Tisch und beginnt ihn durchzublättern. Wie üblich war das meiste Werbung, die er sofort aussortiert. Ein Brief aus den USA für Pia, von ihrer Au Pair Familie, mit der sie sich, stark angefreundet hatte. Ein Brief von der Hausverwaltung, die schon wieder eine Erhöhung der Nebenkosten angekündigt. „Die spinnen doch, das ist schon das zweite Mal in diesem Jahr!“ meint Max entrüstet.

Und dann ist da noch ein elegant aussehender Brief aus Italien, genauer gesagt aus Genua von einem Dottore Alessandro Palmiotta. „Wer ist das denn“? fragt Giorgio in die Runde und schaut etwas ratlos auf den Absender. Auch keiner seiner Kinder hat den Namen je gehört. „Vielleicht auch nur Werbung“ vermutet Theresa. Nun mach schon auf“ rief Flo und setzt Ihr Glas ab. Giorgio ist so von dem eleganten Umschlag beeindruckt, das er gegen seine sonstige Gewohnheit den Umschlag nicht einfach aufreißt, sondern säuberlich mit einem Küchenmesser auftrennt. Heraus kommt ein Brief an – Familia Lindner – in nicht ganz fehlerfreiem, aber doch gut verständlichem Deutsch:

Ser geertes Familia Lindner“ steht dort und weiter „mit große Bedauern wir müssen Ihne leider mitteilen, das ihre Verwandter, Signore Vittorio Lindner, wohnen zuletzt in Genova, Viale Puccini 229 am 2 Augusto verstorben ist.

Signore Lindner hat in unsere ufficio eine testamentarische Verfugung hingelegt. Diese Testamente soll nun geöffnet werden. Ihre Verwandter hat gefugt, das sie alle bei Öffnung von Testamente anwesend sollen sein. Ich, Dott. Alessandro Palmiotta bin als Notaio in Genova zum Testamente Verwalter bestimmt und habe diese Öffnung von Testamente auf den 22. Ottobre festgesetzt.

Ich bitte ganzes Familia Lindner hier in meine ufficio in via Vittorio Emanuele 17 anwesend zu sein, dann um 15°° Uhr, das Testamente zu verlesen. Wenn sie nicht können oder wollen sein anwesend, bitte um Nachricht an mich.“

Giorgio läßt den Brief sinken und ist sprachlos, was bei ihm schon viel heißt. „Was soll das den heißen“? entfährt es Flo. „Das heißt, das wir offensichtlich was von irgendeinem Vittorio Lindner geerbt haben, Du Dummi“ brummte Max. „Aber wer ist den Vittorio Lindner. Giorgio, den Namen habe ich noch nie gehört“? will Pia, etwas irritiert wissen. Ihr Vater will gerade zu einer Erklärung ansetzten, da kräht Flo dazwischen „ Was haben wir denn geerbt und wieso gerade wir“?

Also“ setzt Giorgio an. „Vittorio Lindner ist der jüngste Bruder Eures Großvaters und heißt eigentlich Victor. Er ist soviel ich weiß, vor über vierzig Jahren nach Italien ausgewandert. Es gab da wohl damals irgendeine heftige Familienstreiterei, weswegen weiß ich nicht und ich habe in den ganzen Jahren auch nie etwas aus meinen Eltern, oder Großeltern, herausbekommen, obwohl ich kräftig gebohrt hatte, das könnt ihr mir glauben! Meinen Onkel Victor habe ich nur als Kind einmal zu Gesicht bekommen und dann nie mehr etwas von ihm, oder über ihn gehört. Er hat offensichtlich, nachdem er nach Italien gegangen ist, auch selbst alle Brücken zu seiner Familie und nach Deutschland abgebrochen.“               Also war er das schwarze Schaf der Familie“? will Max wissen. Das weiß ich nicht, ich habe keine Ahnung, was damals vorgefallen ist, ob überhaupt was vorgefallen ist und warum Onkel Victor nach Italien gegangen ist. Er wurde in unserer Familie nie mehr erwähnt und praktisch totgeschwiegen“. Um so erstaunlicher ist dann ja, das er uns in seinem Testament bedacht hat und dass, obwohl ihn seine Familie offensichtlich verstoßen hat“, rätselt Pia.

Ob die Familie, also meine Großeltern ihn verstoßen haben, kann ich nicht sagen. Vorstellen kann ich mir das nicht, aber ich weiß es nicht“. meint Giorgio mit nachdenklichem Gesicht und denkt daran, dass seine Kinder Ihre Urgroßeltern und auch Ihre Großeltern, also seine Eltern, leider nicht mehr kennen gelernt hatten, da sie allzu früh verstorben waren. Weißt Du denn, was er in Italien in all den Jahren gemacht hat und wie und wo er gelebt hat?“ Flo sah ihren Vater fragend an. Leider weiß ich nicht das Geringste. Wie gesagt, seit über 40 Jahren habe ich nichts mehr von ihm gehört, aber dem Notar zufolge muss er ja in Genua gelebt haben“.

Was mag das bloß für eine Erbschaft sein?“ warf Theresa ein und sofort geht eine wilde Spekulation über das Erbe los. Von einem Schloss, das heißt in diesem Fall einem Palazzo war die Rede, über eine Fabrik, eine Oliven Plantage, einem kleinen Häuschen am Meer, einem Haufen Geld und vielem mehr, bis Max plötzlich ganz nüchtern einwendet. „Vielleicht haben wir auch nur Schulden geerbt?“ Auch möglich, aber nicht wahrscheinlich, außerdem können wir das Erbe dann ablehnen“, meint Giorgio. „Aber, ich werde morgen mal diesen Dottore Alessandro Palmiotta, was für ein Name, anrufen und ihn ganz einfach fragen, ob die Fahrt nach Genua überhaupt, äh sinnvoll ist“. Er wollte erst „lohnt“ sagen, fand dann aber dieses Wort doch nicht passend, da er nicht als geldgierig dastehen wollte. Sie stellen noch eine ganze weile Vermutungen an, bis Giorgio das Thema beendet und alle in Bett schickt.

Um halb Acht am nächsten Morgen sitzt Giorgio bereits am Frühstückstisch und erzählt Frau Herzig von dem Brief aus Italien, als Max hereinkommt. Sofort beginnt er mit neuen Mutmaßungen über die Erbschaft. „Ich habe kaum geschlafen und musste die ganze Zeit über Onkel Victor nachdenken. Was war er wohl für ein Mensch, wie hat er gelebt, warum ist er damals nach Italien gegangen und warum hat er gerade uns zu seinen Erben bestimmt“? Was er für ein Mensch war, kann ich Dir leider auch nicht sagen, da ich Ihn ja auch kaum gekannt hatte. Wie und warum er in Italien gelebt hat, werden wir hoffentlich bei unserem Besuch in Genua herausfinden, sofern wir wirklich dahin fahren.

Und warum ausgerechnet wir? Das kann doch eigentlich nur bedeuten, dass es außer uns keine weitere Verwandtschaft gibt. Onkel Hans, der älteste Bruder meines Vaters ist schon im Krieg gefallen und Tante Renate ist, wie Du weißt, vor neun Jahren gestorben. Vielleicht war Onkel Victor nicht verheiratet und hatte keine eigene Familie. Oder es gibt noch eine Familie, die außer uns auch noch was erbt. Ich werde versuchen, bei meinem Telefonat mit diesem Notar heute etwas mehr rauszubekommen“. Giorgio stellt seine Kaffeetasse ab, steht auf und geht aus der Küche. Er hat heute früh einen wichtigen Termin im Büro und muss sich sputen.

Max will hinterher und Ihn noch mit weiteren Fragen bombardieren, aber Frau Herzig drückt ihn auf den Rattan Stuhl zurück und meint resolut. Jetzt wird erst mal gefrühstückt, junger Mann, Du hörst doch, dass Dein Vater heute versuchen will, die Sache zu klären. Warte einfach mal ab, was dabei herauskommt. Heute ist doch erst der 30 September. Bis zum 22 Oktober habt Ihr noch 3 Wochen Zeit, die Sache zu erkunden.“

An diesem Abend kommt Giorgio bereits gegen sechs nach Hause und stößt im Flur fast mit Frau Herzig zusammen, die gerade die Wohnung verlassen will. Keine besonderen Vor-kommnisse Herr Lindner, die Gören sind bis auf Max auch gerade nach Hause gekommen. Mit Kolumbus war ich schon unten, das Essen steht im Backofen und muss nur noch aufgewärmt werden“. Danke Frau Herzig, wenn wir Sie nicht hätten“, schmunzelt Giorgio. Sie lacht nur und rauscht ab.

Die Kochkunst von Frau Herzig ist legendär und wird von allen Familienmitgliedern und Freunden sehr geschätzt. Die leckeren Pasta Gerichte, Gratin´s, Aufläufe und Desserts haben sogar Flo inspiriert, kochen zu lernen. Unterstützt von ihrem Freund Laurin, der mit großem Eifer eine Kochlehre absolvierte und gerade mit sehr gut abgeschlossen hat. So kommt es schon mal vor, das ein, wenn auch nicht ganz ernst gemeinter Streit zwischen Frau Herzig und Flo ausbricht, wer denn nun und vor allem was kochen darf. Den Kampf um den Herd gewinnt zwar meistens Frau Herzig, aber in letzter Zeit läßt sie sich auch gern mal von Flo bekochen und ist des Lobes voll von ihren Kochkünsten.  Auch dem Rest der Familie scheint es zu schmecken, es gibt jedenfalls fast nie Klagen.Heute hat Frau Herzig Lachs in Blätterteig vorbereitet. Und, passend zum Thema, Spaghetti mit Pesto a´ la Genovese und Insalata Mista. .

Giorgio kommt nach Hause, wirft seine Tasche auf die Kommode und geht ins Wohnzimmer. Der große, gemütliche Raum mit der riesigen Fensterfront, die sich zur davor liegenden Dach-terrasse öffnet und einen herrlichen Blick über große Teile Hamburgs freigibt, ist außer der Küche, der beliebteste Familientreffpunkt.  Zahlreiche Sitzmöglichkeiten, sowohl vor dem offenen Kamin als auch vor den großen Fenstern signalisieren, dass hier Gäste willkommen sind und oft gern diskutiert oder auch gefeiert wird. Ein rückseitiges riesiges Bücherregal sowie etliche kleinere und größere Bilder an den Wänden, komplettieren diesen gemütlichen Raum.

Pia und ihre Freundin Naina sind da und lungern auf dem weichen Teppich vor dem Kamin herum. Ebenso Flo mit ihrer Freundin Alexa, die eigentlich Alexandra Schilling heißt, aber in der Schule von allen nur Alexa gerufen wurde. Dabei ist es dann geblieben. Ihr Vater besitzt ein Einrichtungshaus in der City und sie hat ernsthafte Ambitionen, dort mit einzusteigen. Zuvor möchte Sie jedoch eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau machen und sucht jetzt eine Lehrstelle. Sie ist eine begeisterte Disco Gängerin, immer modisch gekleidet, etwas flippig und ständig in irgendeinen „süßen“ Jungen verliebt.Der einzige Mann im Raum ist Flo´s Freund Laurin, der erfolgreich seine Kochlehre im Hotel Excelsior in Hamburg abgeschlossen hat und nun, gemeinsam mit Flo überlegt, wie er seine berufliche Karriere ausbauen soll. Sein Traum ist, später einmal ein eigenes Restaurant zu haben und sich in den Sterne-bereich vorzuarbeiten. Aber bis dahin will er, zum Leidwesen von Flo, in verschiedenen Tophotels der Welt dazulernen und hat bereits ein interessantes Angebot von einem Luxushotel in New Orleans bekommen.

Als Giorgio den Raum betritt, hängen alle Augen auf ihm und Flo platzt heraus: „ Hast Du mit dem Notar gesprochen? Was hat er gesagt? Was haben wir den nun geerbt und fahren wir jetzt nach Italien“?Nun mal langsam“ entgegnet Giorgio. „Das ganze ist reichlich verworren und mysteriös. Aber ich möchte Euch das erzählen, wenn auch Max da ist. Dann muss ich nicht alles zweimal sagen“.Och Pap´s bitte“ quengelt Flo „Nun sag schon, was er gesagt hat. Bis Max kommt, bin ich vor Spannung schon gestorben!“ So schnell stirbt man nicht“ grunzt Giorgio ungerührt.

Er hat den Satz kaum ausgesprochen, als sie den Schlüssel in der Haustür hören und Max den Flur betritt. Als er seinen Vater sieht, bestürmt auch er ihn gleich mit Fragen. Giorgio hebt die Hände und ruft: „Silencio, ich erzähl Euch ja alles freiwillig. Also, durch meinen Anruf ist alles nur noch mysteriöser geworden. Der Signore Palmiotta war nicht im Büro, worauf ich dann mit seinem Assistenten, einem Signore Baldini verbunden wurde. Dieser Signore Baldini konnte kein Deutsch, dafür aber leidlich Englisch. Auf meine Fragen, was es denn mit diesem Testament auf sich hat und ob es überhaupt sinnvoll wäre mit vier Personen nach Genua zu reisen, meinte er, vor der Testamentseröffnung dürfe er grundsätzlich keine Auskünfte erteilen. Er könne nur so viel sagen, dass er sowohl den Erblasser kannte, wie auch Teile seines letzten Willens. Das Mandat wird jedoch von Signore Palmiotta, welcher der Seniorchef des Notariats ist, höchstpersönlich betreut und dieser betreut eigentlich nur noch die wichtigsten und großen Fälle. Er empfahl also, unbedingt nach Genua zu kommen und die Familie vollzählig mitzubringen und bedauerte, keine weiteren Auskünfte geben zu können.“  Giorgio sinkt erschöpft in einen Sessel und brummt: „ Jetzt macht Ihr Euch einen Reim draus“.Man debattiert noch eine Weile hin und her und kommt endlich zu der Entscheidung, die Reise nach Genua anzutreten. Auf Pias Frage, wie sie denn dahin kommen sollen, mischt Laurin sich ein. Ein Freund von mir ist mit seinen Eltern vor kurzem von Lübeck aus nach Pisa geflogen. Das war ein Direktflug und sogar besonders günstig. Von Pisa nach Genua ist es dann nicht mehr weit, soweit ich weiß“.

Max steht auf. „Ich werde das mal eben im Internet checken, dann wissen wir mehr“. „Und Ihr Beide“ Giorgio sieht Flo und Pia an „kümmert Euch um das Abendessen. Frau Herzig hat schon alles vorbereitet, steht im Backofen“. Nach der leckeren Mahlzeit durchstöbern sie die Angebote, die Max aus dem Internet gefischt hat. „Also“, beginnt er vielsagend „Es gibt tatsächlich einen Flug von Lübeck nach Pisa, sogar täglich und besonders günstig, wenn wir am 21. Oktober hin und am 24. wieder zurückfliegen. Einen coolen Mietwagen können wir da auch bekommen“. Max schaut triumphierend in die Runde. „Wenn das so ist“ ruft Giorgio „Dann setz dich hin und buche den Kram. Dann können wir uns sogar eine Über-nachtung mehr leisten und fliegen erst am 25. Oktober zurück. Wir können uns dann in der Gegend noch ein bisschen umsehen . Hubertus wird mich im Büro schon würdig vertreten“. Er denkt daran, wie schön es wäre, nach den harten Jahren, wieder einmal mit seinen Kindern gemeinsam eine Reise zu machen.

Soll ich denn den Mietwagen und das Hotel auch gleich mit buchen“? fragt Max. „Au ja, miete uns einen schicken Alfa Romeo und ein tolles Hotel am Meer. Vielleicht können wir ja noch baden“, hofft Flo, die durchaus einen leichten Hang zum Luxus hat. Schau mal, was Du günstig bekommst, beim Hotel muss es ja nicht gerade das Grand Hotel in Portofino sein“. Giorgio ist darauf bedacht, das seine Kinder ein vernünftiges Gefühl zum Geld erhalten und damit umzugehen lernen. Das geht seiner Meinung nach am besten, wenn er ihnen bei Zeiten ein gewisses Maß an Eigenverantwortung überträgt. Nicht, das sein Architekturbüro schlecht läuft. Eher das Gegenteil ist der Fall. Aber er ist nun mal nicht der Typ, der das Geld mit vollen Händen ausgibt und seine Kinder will er auch nicht dazu verleiten.  Er steht auf und geht in sein Arbeitszimmer um sein Schachbrett aufzubauen. Es ist gleich acht Uhr, außerdem Mittwoch und er will, wie jeden Mittwochabend, bei einer guten Flasche Rotwein mit seinem Nachbarn, Dr. Joachim Emden, seines Zeichens Fachanwalt für Familien- und Vertragsrecht, Schach spielen.

 

Max ist unterdessen eifrig im Internet beschäftigt, zunächst die Flüge für den 21. Oktober gebucht, als Mietwagen günstig einen komfortablen Geländewagen ergattert und noch zwei Doppelzimmer in einem vier Sterne Hotel mit Meerblick am Rande von Genua heraus-gefischt. Auch das Hotel gab es zu einem Sonderpreis. Es ist eben keine Hauptsaison mehr. Er ist mit sich und seinem Erfolg rundum zufrieden und meint zu Pia: Selbst wenn bei dieser Erbschaft nichts raus springt, haben wir für unseren Kurzurlaub kein Vermögen investiert“.

Am darauf folgenden Samstag, wird von Flo für sieben Uhr abends ein festliches Familienessen angesetzt. Sie ist bereits am Vormittag, fröhlich und aufgekratzt wie schon lange nicht mehr, mit Einkäufen beschäftigt. Ihre großen, ausdrucksvollen Augen strahlen. Kochen war wie bei ihrem Freund Laurin auch ihre große Leidenschaft geworden. Obwohl man es diesem bildhübschen, gertenschlanken Persönchen überhaupt nicht ansieht, kocht und isst Flo für ihr Leben gern und probiert mit Laurin ständig neue Rezepte aus. Familienessen heißt nicht etwa nur mit ihren Geschwistern und ihrem Vater, sondern auch mit deren Freunden – soweit abkömmlich – und selbstverständlich mit Frau Herzig. So sind sie an diesem Abend zehn Personen, was Flo jedoch keineswegs abschreckt.

Am Nachmittag haben sie und „Bolle“ wie Laurin in Anspielung auf seinen Nachnamen Bollwitz gern gerufen wird, freie Bahn für die Vorbereitungen, denn sie haben immerhin ein fünf Gänge Menü geplant. Patricia ist mit Freundin Naina beim Reiten, außer telefonieren ihre zweite große Leidenschaft. Naina teilt Pias Liebe zu den Pferden und empfindet die Reiterei als tollen Ausgleich zu ihrer sonstigen Bücher Schmökerei. Sie ist als Diplomaten-tochter mit ihren Eltern und ihrem Bruder seit frühester Kindheit durch die Welt gereist, kann 5 Sprachen nahezu perfekt und ist eine ausgesprochene Leseratte. Dennoch ist sie weltoffen, pflegt Brieffreundschaften auf allen 5 Kontinenten und ein unkomplizierter Typ, der bei den Jungen, obwohl Brillenträgerin mit einem Brillentick, gut ankommt.

Max ist bei Freundin Theresa und hat versprochen, mit ihr pünktlich um sieben Uhr zurück zu sein. Giorgio will im Büro noch Akten aufarbeiten und gegen sechs Uhr zu Hause sein.Flo und Bolle haben für das Menü etwas Besonderes ausgedacht:  1. Als Vorspeise soll es einen schwedischen Fischteller geben. Bolle will dazu ein kleines Fjordlachs Filet in Honig-Senf-Sahne Sauce mit frischen Krabben auf Toast Streifen entwickeln.  2. Als zweiten Gang haben sie eine Pariser Käsecremesuppe vorgesehen. Eine, mit Zwiebeln, Schnittlauch Röllchen, Schmelzkäse und einem Schuss Cognac verfeinerte französische Spezialität. 3. Dann hat sich Bolle mit einem Zwischengang durchgesetzt. Er will seine Spezialität, mit der er bei der Gesellenprüfung Punkte eingefahren hatte, kredenzen. Ein Melonen-Minze Sorbet mit Marsala verfeinert. 4. Für den Hauptgang hat Flo auf dem Markt „Summer“ gefunden, einen schmackhaften, großen, nur im Ostatlantik vorkommenden Speisefisch, der gegrillt eine Delikatesse ist. Dazu will sie Papa´s Arrugada´s servieren, das sind gut gewaschene, in Meersalz gekochte Kartoffeln, die mit der, dann leicht weißlichen Salzkruste, mit der Schale gegessen werden. Zusammen mit der dazugehörigen Mojo Verde, einer pikanten grünen Kräutersoße, ist das eine leckere Spezialität von den Kanarischen Inseln. Ergänzt wird das ganze noch mit einem typisch spanischen Ensalada Mista. 5. Für die Nachspeise hat Bolle Sizilianische Cassata an Erdbeer- Mascarpone, garniert mit Herzwaffeln und Minzeblättern ersonnen.

Sie wuseln schon seit dem Mittag in der Küche und bereiten das Menü unter erregtem diskutieren und fachsimpeln vor. Es soll an dem großen Massivholztisch in der Küche gegessen werden, da nur dieser für die erwartete Personenzahl geeignet ist.Sag mal Flo“, rief Bolle plötzlich. „Was gibt es eigentlich zu trinken dazu“? „Oh Gott, das hab ich ja völlig vergessen, dann muss ich schnell noch mal runter und Giorgios Weinkeller plündern!“ Da Ihr Vater und vor allem sein Freund und Partner Hubertus Meyerdierks sehr gute Weinkenner sind und sie im Laufe der Zeit einiges mitbekommen hat, weiß sie wonach sie suchen muss. So entscheidet sie sich für einen toskanischen „Le Grance Sant´Antimo Bianco“ und hofft, damit zu punkten.

Kurz vor Sieben trudeln nach und nach alle ein und versuchen einen Blick in die Küche zu erhaschen. Sie konnten aber nur Flo und Bolle mit hochroten Köpfen an verschiedenen Töpfen hantieren sehen, als sie von Bolle auch schon wieder rausgeschmissen werden. „Einlass ist um sieben Uhr und nicht früher“. brummt er nur. Flo hat zur Feier des Tages sogar eine apricofarbene Tischdecke mit passenden Servietten aufgelegt und eine stimmungsvolle Tischdekoration gezaubert. Als es dann soweit ist, alle am festlich gedeckten Tisch Platz genommen, die Vorspeise vor sich stehen haben und sich mit dem ersten Schluck Wein zuprosten, steht Giorgio auf und beginnt mit feierlicher Stimme: Flo und Laurin, ich möchte Euch beiden für diese nette Einladung auch im Namen aller hier Anwesenden herzlich danken. Alles sieht toll aus, riecht lecker und man sieht, dass Ihr Euch sehr viel Mühe gemacht habt. Wenn es dann auch noch so schmeckt, wie es riecht und aussieht, habt Ihr Euch einen Orden verdient. Von mir aus, könnt Ihr dieses Verwöhn-programm zur ständigen Einrichtung machen“. grinst er, hebt sein Glas und trinkt auf die beiden Kochkünstler, die etwas erschöpft, aber glücklich ihm gegenüber sitzen.Der Abend ist ein voller Erfolg. Je später es wird, umso gelöster ist die Stimmung aller Anwesenden. Das Essen findet höchstes Lob und dem Wein spricht man reichlich zu.Gegen Ein Uhr Nachts schließlich bittet Frau Herzig um ein Taxi. Hubertus Meyerdierks will sich anschließen. „Liebe Henriette, wir beide werden uns ein Taxi teilen und ich bringe Sie nach Hause, das ist sinnvoller!“ „Na gut, sie sind eben ein Gentleman alter Schule, da kann ich nicht widerstehen“, flirtet Frau Herzig kichernd.

Als die beiden verschwunden sind, meint Giorgio, „So, der Rest der Familie klart noch schnell die Küche auf. Das ist Sache der Küchenhilfen und nicht der Köche!“ und schiebt die erschöpften Flo und Bolle sanft aus der Küche.

Die nächsten Tage sind bei Giorgio voll gestopft mit Terminen, da er möglichst viel vor seiner Italienreise erledigen will. Max hat sich auf den Weg nach Freiburg gemacht, um sich die Uni und das studentische Umfeld, anzusehen. In drei Tagen will er wieder zurück sein. Patricia kümmert sich ebenfalls um ihr Studium, brütet über diversen Studienunterlagen und surft viel im Internet um die, für sie sinnvollste Uni zu finden. In die engere Wahl kommen für sie Hannover, München oder Budapest, weil diese Hochschulen im Bereich Veterinärmedizin den besten Ruf haben. Tierärztin war schon als junges Mädchen ihr sehnlichster Berufswunsch gewesen, seit sie mit sieben Jahren ihre erste Katze bekommen und sich rührend um das Tier gekümmert hatte.

Florentine ist wesentlich pragmatischer veranlagt und verbringt die Tage mit Ausschlafen, Faulenzen, Lesen und gemeinsamen Kinobesuchen mit Alexa oder Bolle oder mit Beiden.Da sie mit ihren Mutmaßungen bezüglich der Italienischen Erbschaft nicht recht weiter-kommen, wird über das Thema vorerst nicht weiter gesprochen. Man lässt das ganze nun mehr oder weniger ruhig auf sich zukommen.Und so kommt dann der 21. Oktober, ein Donnerstag, doch wiederum ziemlich plötzlich auf die Lindners zu. Der Flieger geht mittags um halb zwei und sie sollen zwei Stunden vorher da sein. Aber nach Lübeck muss man ja auch noch kommen. Also ist die Abfahrt für spätestens zehn Uhr angesagt.                          Vor allem Flo ist schon seit gestern Vormittag mit Kofferpacken beschäftigt, probiert an, packt ein, verwirft das ganze wieder, packt wieder aus und entscheidet sich schließlich doch für andere Fummel. So verbringt sie Stunde um Stunde und man tut gut daran, nicht in ihre Nähe zu geraten, da man sonst Gefahr läuft, irgendwas an den Kopf zu bekommen. Pia ist deutlich disziplinierter und hat sich schon vorher Gedanken gemacht, was Sie mitnehmen will. Kofferpacken ist daher in einer halben Stunde erledigt.Auch Max und Giorgio haben ihre Koffer in Nu gepackt und sind überzeugt, „Was wir nicht dabei haben, haben wir eben nicht dabei“.

Um Acht Uhr morgens wirft Max zufällig einen Blick in Flo´s Zimmer und entdeckt drei große, fast gepackte Koffer. „Spinnst Du“ ruft er entsetzt, „erstens sind wir nur 5 Tage weg und zweitens hast Du nur 15 Kilo Freigepäck und jedes weitere Kilo kostet Geld. Ich glaube kaum, das Giorgio das akzeptiert“. „Sch…“ Flo macht sich mit mürrischem Gesicht und laut fluchend daran, ihre mühsam getroffenen Entscheidungen noch einmal zu überdenken, auszusortieren und alles in nur einem Koffer unterzubringen. Aber dann wenigstens in dem Größten. Schließlich ist das gesamte Gepäck im Auto verstaut, die Vier auf dem Weg nach Lübeck und stehen endlich, nachdem sie das Auto am Flugplatz verstaut haben, pünktlich um zwölf Uhr am Check in-Schalter. Wie niedlich“, bemerkt Pia, mit Blick auf die kleine, überschaubare Flughafenhalle. Sie war aus den USA wesentlich größeres gewohnt. „Das ist ja fast wie ein Wohnzimmer, aber dafür auch weniger Lauferei“. Flo bangt etwas wegen ihres großen Koffers, aber die Stewardess meint lächelnd: Bei vier Personen werden wir die 5 Kilo Übergepäck als Mengenrabatt verbuchen“, und wünscht einen guten Flug.

 

02. …und Erstens kommt es anders…

 

Nach einem ruhigen, zweistündigen Flug setzt die Maschine sanft zur Landung in Pisa an. Im Landeanflug kann man das toskanische Hügelpanorama auf der einen und das Mittelmeer auf der anderen Seite bewundern. Auch Pisa mit der pittoresken Altstadt und dem schiefen Turm sind gut zu erkennen. Allein bei diesem Anblick stellt sich bei ihnen schon etwas Urlaubsstimmung ein.

Nachdem sie alle Koffer vom Band ergattert und bei der Autovermietung ihren gebuchten Geländewagen in Empfang nehmen, verstauen sie ihr Gepäck und fahren los. “Es ist doch erst vier Uhr, wollen wir uns nicht noch Pisa ansehen“? schlägt Pia vor.  Sie sind das erste Mal in Italien, wenn man von einigen Geschäftsbesuchen Giorgios in Mailand mal absieht. Mailand ist das Mekka von Architekten, Innenarchitekten und Designern. Jeder, der in diesen Berufen auf dem Laufenden bleiben will, muss sich zumindest ab und zu dort informieren. Außer der Stadt und dem Weg zum Flughafen hat Giorgio jedoch von Italien noch nichts weiter gesehen. Insofern sind alle mit Pias Vorschlag einverstanden, wenn gleich Giorgio meint, „Aber nicht zu lange, wir müssen noch nach Genua und kennen uns dort nicht aus. Es wäre schön, wenn wir nicht erst im Dunkeln ankommen“.

Also stürzt Giorgio sich in den immer leicht chaotischen, italienischen Autoverkehr und bahnt sich den Weg Richtung Zentrum. Die Altstadt von Pisa, mit ihren mittelalterlichen Prachtbauten, den engen Gassen, den vielen Piazza´s und nicht zu vergessen, dem schiefen Turm, ist schon eindrucksvoll.

Giorgio hat alle Hände voll zu tun, bemüht sich auf den Verkehr zu achten und kann die Schönheiten der Stadt nur aus den Augenwinkeln wahrnehmen. Er versucht, sich dem italienischen Fahrstil, oder das, was er dafür hält, anzupassen, in dem er das Fenster runter kurbelt, eine lässige Sitzhaltung einnimmt und öfter´s, mit oder ohne Grund die Hupe betätigt. Außerdem hat er das Gefühl, das hier wohl das Recht des Stärkeren oder dem mit den besseren Nerven vorherrscht. Giorgio, Du fährst wie ein echter Eingeborener“, meint Flo anerkennend.

Kurz darauf halten sie an einer breiten, mit Zypressen bestückten Straße vor einer Bar und wollen sich einen ersten Espresso genehmigen. „Gut dass wir hier den Wagen im Blick haben, mit dem ganzen Gepäck drin, wäre es wohl zu gefährlich, ihn unbeaufsichtigt zu lassen“, vermutet Max und genehmigt sich einen Schluck. Sie lassen das italienische Dolce fare niente, also die sprichwörtliche italienische Lebensart, oder wörtlich mit >süßes nichts tun< übersetzt, auf sich einwirken. Ihnen fällt sofort auf, das die Italiener im allgemeinen wesentlich besser angezogen sind, als die Deutschen und wohl auch mehr Wert auf modische Dinge legen.

Giorgio und Max genießen vor allem den Anblick der vorbei schlendernden Italienerinnen, – wobei auch diese durchaus einen Blick auf die großen, breitschultrigen und gut aussehenden Nordländer riskieren. Mit seinen blonden Haaren und den leicht lässigen Bewegungen, ist der zweiundfünfzigjährige Giorgio durchaus noch ein Frauentyp. Er genießt das zwar, macht aber davon weiter keinen Gebrauch, da er immer noch zu sehr an seiner Charlotte hängt. Auch Max findet durchaus das Interesse der vorbeischlendernden Damenwelt, ist er doch das jüngere Pendant seines Vaters. Die Mädchen, vor allem die blonde Pia, können sich über mangelndes Interesse der italienischen Männer auch nicht beklagen und sind schon leicht genervt von der etwas aufdringlichen Art der feurigen Südländer.

Nach zwanzig Minuten haben sie genug gesehen und machen sich auf den Weg zur „Autostrada“ nach Genua. Erst durch die schöne Toscanische Landschaft und dann der Cinque Terre entlang. Nach einer Weile tauchen berühmte Städtenamen wie Lucca, Viareggio oder Carrara auf. Giorgio erklärt seinen Kindern gleich, das hier die bekanntesten Marmor Vorkommen der Welt zu finden sind und sie können rechts, auf den Berghängen die berühmten Marmorbrüche schneeweiß blitzen sehen. „Diesen weißen Marmor verwenden wir auch bei unserem neuen Bürogebäude in Lübeck“.

Weiter geht die Fahrt an der Hafenstadt La Spezia vorbei wo im zweiten Weltkrieg etliche deutsche Truppen mit diversen Kriegsschiffen stationiert waren. La Spezia und auch Livorno waren vor allem U-Boot Häfen. Nun geht es höher in die Berge hinauf, durch etliche Tunnel und wieder werden berühmte Namen an den Abfahrtsschildern sichtbar, wie Rapallo, Portofino oder S. Margherita Ligure. Somit sind sie schon an der Ligurischen Küste angelangt. Max bringt jetzt sein Internetwissen an und erklärt: Die Ligurische Küste zieht sich bis zur Französischen Grenze und wird in zwei Bereiche unterteilt. Diese hier, bis Genua nennt man die Riviera de Levante und ab Genua bis zur Französischen Grenze heißt sie Riviera de Ponente oder auch Blumen Riviera. Portofino hier unten und San Remo im Westen sind wohl die exklusivsten Orte an der ganzen Riviera.“  “Bravo, Herr Oberlehrer“, ruft Flo entsetzt. „Bin ich hier etwa wieder in der Schule“? Ein bisschen Allgemeinbildung hat noch niemandem geschadet“ entgegnet Giorgio gelassen.

Nachdem Max jetzt auch noch Rückendeckung von seinem Vater spürt, muss er natürlich noch einen drauf setzen und dozierte weiter: „Genua ist die Hauptstadt und zugleich auch die größte Stadt Liguriens und die größte Hafenstadt Italiens. Außerdem in diesem Jahr zur europäischen Kulturhauptstadt ernannt worden!“ „Ist ja toll, was Du alles weißt,“ stöhnte Flo bissig. “Ja und ich weiß noch viel mehr. Zum Beispiel das Genua eine sehr alte und reiche Kaufmannsstadt ist und eines der berühmtesten Bauwerke ist der Palazzo Ducale aus dem dreizehnten Jahrhundert, der einem Dogen gehörte und heute Kunstgalerie ist.

Außerdem besitzt Genua das größte Aquarium und die größte, noch erhaltene Altstadt Europas. Da musst Du unbedingt hin, Flo, denn dort gibt es jede Menge Geschäfte und kleine Boutiquen und von dort hat man immer wieder herrliche Ausblicke auf den Hafen und das Mittelmeer. Überhaupt sind an Genua die zahlreichen Kontraste zwischen der Altstadt, den vielen Patrizierhäusern und den diversen Palästen der reichen Genueser Kaufmannsfamilien, die sich die Hügel hinaufziehen, besonders interessant. Genua war schon immer eine der reichsten südeuropäischen Städte, was man heute noch überall feststellen kann!“

Max geht langsam die Puste aus und Pia fragt schnell dazwischen: „Woher weißt Du das alles, Bruderherz? Hast Du in der Schule gut aufgepasst oder hast Du in einem früheren Leben hier gelebt“? Weder noch, Ihr Knalltüten, aber wenn wir hier tatsächlich einen Palazzo erben sollten und dann hier wohnen, ist es ja wohl das Mindeste, das man über sein Umfeld Bescheid weiß. Ich habe mir halt einen Reiseführer von dieser Gegend reingezogen“, entgegnet Max triumphierend. Du Spinner“ rief Pia ungerührt, „Du glaubst doch nicht im Ernst, das wir ein Palazzo erben, eher einen alten Weinberg oder Oliven Acker oder sonst was und außerdem, das wir hier herziehen, davon war nie die Rede!“

Giorgio fährt dazwischen und beendet das Geplänkel: „Jetzt freut Euch lieber an der schönen Landschaft,“ und zeigt auf die riesigen Oleander Sträucher, links und rechts der Autobahn, die in den schönsten rot, lila und blau Tönen leuchteten. Ob wir überhaupt was erben und wenn ja, was, werden wir morgen sehen. Wenn nicht, ist dies ein schöner, abwechslungsreicher Kurzurlaub in dem wir für ein paar Tage den Alltag vergessen können. Wann sind wir denn zuletzt alle zusammen irgendwo hingefahren, das ist doch schon Ewigkeiten her. Im Übrigen sind wir jetzt gleich da, da vorne ist die Abfahrt Nervi, Max, jetzt sagt mir lieber mal, wie wir unser Hotel finden“?

Max hat im Internet das Hotel Villa Pagoda in der via Capolunga gebucht und das versteckt sich im Vorort Nervi und soll direkt am Meer liegen. Kaum haben Sie die Autostrada verlassen, tauchen sie in das ganz alltägliche, italienische Verkehrs Chaos ein. „Wir müssen auf jeden Fall den Berg runter, immer Richtung Meer, dann können wir nicht falsch liegen,“ vermutet Pia. Ja, wenn Ihr mich nicht hättet“ grunzt Max zufrieden. „Ich habe mir natürlich auch eine Anfahrt Skizze im Internet besorgt!“ „Das hättest Du auch gleich sagen können, Du Elch, dann wäre ich jetzt nicht so ins Schwitzen gekommen“ schimpft Giorgio. „Also los, dann dirigiere uns zum Hotel!“  “Typisch Mann“, seufzt Flo mit genervten Blick auf ihren Bruder.

Als sie vor dem Hotel Villa Pagoda vorfahren, verschlägt es ihnen die Sprache. Das ist wirklich ein Palast aus dem 19.ten Jahrhundert, mit einem riesigen, wunderbaren Park drum herum, direkt am Meer gelegen. Es gibt sogar einen eigenen Bade- und Bootssteg.

Alles ist vom Feinsten. Giorgio fragt Max, etwas besorgt, „Bist Du sicher, das hier ein Doppelzimmer pro Nacht nur 80 Euro kostet und auch noch inklusive Frühstück“?Bestätigt haben sie diesen Preis, also wird es wohl stimmen“ grinst Max. An der Rezeption werden sie freundlich zunächst auf Italienisch und als man merkt, das die Lindners kein italienisch sprechen, in gutem Deutsch begrüßt. Ein Page bringt sie zu ihren Zimmern und das Gepäck gleich hinterher. Giorgio und Max teilen sich ein Doppelzimmer und Pia und Flo das andere. Die Zimmer versetzen sie in helles Entzücken, geräumig, mit wertvollen, antiken Möbeln ausgestattet und einem großen Balkon mit fantastischem Meerblick. Das luxuriöse Marmorbad macht das Ganze perfekt. Beide Zimmer liegen nebeneinander. Sie können also über den Balkon Kontakt halten. Es liegt ein betörender Blumenduft in der Luft.

Max“, ruft Flo begeistert, „Das hast Du gut gemacht. So habe ich mir das Leben in Italien vorgestellt. Giorgio, können wir nicht verlängern. Hier möchte ich gar nicht mehr weg“! „Gemach, gemach, junge Dame, jetzt wollen wir erst mal sehen, was morgen auf uns zukommt. Nun packt mal Eure Koffer aus und dann sehen wir uns nachher beim Abendessen!“ “Aber vorher gehe ich noch eine Runde schwimmen. Kommt jemand mit?“ fragt Flo. Ich schon“ ist Pia sich sicher. „Ich auch“ brummt Max und schließlich gibt sich auch Giorgio geschlagen „Na, dann will ich auch kein Spielverderber sein. Also in zehn Minuten unten am Steg“.

Sie genießen ausgiebig das immer noch 23. Grad warme Mittelmeer, packen dann die Koffer aus, ziehen sich um und erscheinen gegen neun Uhr zum Abendessen.

Auf dem Weg in den Speisesaal

Der Speisesaal alleine ist ein optischer Genuss, mit seinen imposanten Kronleuchtern aus Murano Glas, den antiken Carrara Marmorböden und der edlen Holzvertäfelung aus dunklem Olivenholz. Die Tische sind mit weißen Damasttüchern festlich gedeckt und es herrscht eine elegante Atmosphäre.

Na, hoffentlich sind die Portionen hier zum satt werden. Ich hab jetzt einen Bärenhunger!“ Giorgio nimmt an der Stirnseite des Tisches Platz und verteilt seine Lieben um sich herum. Auch von hier haben sie einen tollen Blick auf das Meer. Das „Menu del giorno“, überrascht sie an diesem Abend mit einem Lachs Garpaccio auf Rucola und hauchdünn geschnittenen Parmesan an Olivenöl, Pfeffer und Limone als Vorspeise, gefolgt von Pasta Variationen mit gelben, grünen und schwarzen Spaghetti. Die gelben sind mit Safran, die grünen mit Spinat und die schwarzen mit Pilzen und Oliven eingefärbt. Auch dazu wieder Parmesan. Flo läßt sich zu der Bemerkung hinreißen: „So leckere Spaghetti gibt es in ganz Hamburg nicht“. Der Rest der Familie pflichtet ihr bei. Als Hauptgang gibt es in Rotwein gebeiztes Kaninchen, auf ligurische Art in einer delikaten Kräuterkruste, mit hauchdünn geschnittenen weißen Trüffeln auf Kartoffelgratin, Das Fleisch ist zart und schmackhaft und obwohl vor allem Pia und Flo sonst aus Überzeugung kein Kaninchen essen, drücken sie jetzt tapfer beide Augen zu. Zum Dessert werden Eisvariationen mit Kokosraspeln an Orangensauce gereicht.

Nach diesem kulinarischen Genuss und dem insgesamt ereignisreichen Tag, hat keiner mehr Lust auf große Aktivitäten. Es zieht Sie magisch Richtung Bett um morgen fit für ihren Erbschafts Antritt zu sein. Am Morgen, bei einem üppigen Frühstücksbuffet mit Rührei, Bacon und sogar Champagner. wollen sie einen Bummel durch das Centro storico, die Altstadt und das malerische Hafenviertel machen.  Flo hat dies vorgeschlagen, wohl in der Hoffnung, in der einen oder anderen Boutique dort fündig zu werden. Mittags wollen sie irgendwo in einer kleinen Trattoria am Hafen essen und dann gemächlich zum Büro des Notars schlendern. An der Hotelrezeption empfiehlt man ihnen, nicht mit dem Auto in die Altstadt zu fahren, sondern lieber mit dem Taxi, da es dort, wie überall in Genua, Parkplatzmangel gibt.

Habt Ihr alle Eure Pässe dabei? die müssen wir mit Sicherheit nachher vorzeigen!“ vermutet Giorgio. Flo hat natürlich nicht und muss noch mal in ihr Zimmer, um ihn zu holen.Der gesprächige Taxifahrer, leider nur auf italienisch, setzt sie an einer kleinen Piazetta ab und wünscht ihnen molto Divertimento, viel Vergnügen. Die Vier sind beeindruckt von den engen Gassen, Carruggi genannt, dem bunten Treiben und vor allem von der Vielfalt der Geschäfte und Handwerksbetriebe. In den oberen Etagen wird wie eh und je die Wäsche über die Gassen gespannt und vermittelte italienischen Leben in Reinkultur. Pia staunt: „Bei uns in Deutschland und auch in Amerika gibt es fast nur noch große, internationale Ketten und man weiß eigentlich in jeder deutschen Stadt schon vorher, welche Läden man dort findet. Hier gibt es ein wahres Paradies an kleinen „Tante Emma“ Läden in allen Branchen!“.

Max und Giorgio sehen sich mit vielseitigem Blick an und ahnen, dass dieser Vormittag wohl gelaufen ist. „Also, haben die Damen jetzt Shopping beschlossen?“ fragt Max mit mürrischem Blick. Flo will schon Jubelschreie ausstoßen, sieht aber noch rechtzeitig den warnenden Blick von Pia, die vermittelnd vorschlägt, “lasst uns eine Stunde die Läden hier durchstöbern und dann setzten wir unsere Besichtigungstour fort.“ Einverstanden, wir sehen auf die Uhr, genau eine Stunde habt Ihr!“ fügt sich Giorgio in sein Schicksal, steuert die nächste Bar an und ruft über die Schulter. „Wir treffen uns dann wieder hier. Verlauft Euch nicht in diesem Gassengewirr!“

Die Mädchen haben diese Stunde, wenn auch schweren Herzens, tatsächlich eingehalten und sind sogar fündig geworden. Sie kommen jedenfalls beide mit einer Tüte zurück.Dann einigen sie sich auf die Besichtigung des Meeresaquariums am Hafen.Das ist schon, allein wegen seiner Größe und eindrucksvollen Architektur interessant. Man kann durch zahlreiche unterirdische Glastunnel laufen, hat das Gefühl, auf dem Meeresgrund zu spazieren und erlebt die aufregendsten Fische hautnah.

Um ein Uhr schlägt Giorgio vor: „Lasst uns noch schnell eine Trattoria suchen und eine Kleinigkeit essen, bevor es ernst wird“. Direkt neben der Kaimauer finden sie eine kleine, urige Trattoria mit Pasta Gerichten und frischem Fisch. Fast alle Tische sind bereits von Hafenarbeitern und Händlern aus der Umgebung besetzt. Es herrscht ein erregtes Stimmengewirr. Sie genießen diese urige Atmosphäre. Max hat sich einen Stadtplan von Genua zugelegt und entdeckt während des Essens, das sie nicht weit von der via Vittorio Emanuele entfernt sind und das Notariat bequem zu Fuß erreichen können.

Kurz vor drei Uhr stehen sie vor einem altehrwürdigen Gebäude, welches man durchaus als Palazzo bezeichnen kann und von Giorgio mit sachkundigem Blick auf das ausgehende 17.te Jahrhundert datiert wird. Innen mit edlen Fresken und Marmormosaiken ausgestattet, hat es nichts von seinem einstigen repräsentativen Charme verloren. Eine breite, reich verzierte Holztreppe führt sie hinauf in die erste Etage. Neben einer, ebenfalls reich verzierten, großen Tür prangt ein dezentes Messingschild mit der Aufschrift „Dottore Alessandro Palmiotta, Notario“ und darunter ein ebenso dezenter Klingelknopf.

Die Lindner´s sind jetzt doch ganz schön aufgeregt und Giorgio hat etwas Nervöses in der Stimme, als er die junge Dame, die ihnen die Tür öffnet, begrüßt „buon giorno, Signorina, io sono Georg Lindner di Amburgo. La mia bambini Florentine, Patricia e Maximilian. Averiamo una data con Dottore Palmiotta“. Giorgio steht mit hochrotem Kopf in der Tür und hofft inständig, dass die hübsche Signorina sein italienisches Gestammel richtig verstehen kann. Sie läßt sich nichts anmerken, sondern macht eine einladende Handbewegung und sagt freundlich: „Prego Signore Lindner und schiebt sie in ein kleines aber nett eingerichtetes Wartezimmer. „Ancora, uno momento prego“, haucht sie freundlich.

Dort sitzen schon ein Herr mittleren Alters und eine etwas rundliche Dame mit freund-lichem Gesicht und auffallend lustigen Augen. Sie setzten sich auf die freien Plätze. Flo sieht Giorgio staunend an, „woher kannst Du denn italienisch“? fragt sie bewundernd. Er ent-gegnet bescheiden: „Ein bisschen weiß ich noch vom Lateinunterricht und dann gibt es auch Wörterbücher, mein Fräulein. Wenn Du da auch ab und zu mal reinschauen würdest, könntest Du Dich zum Beispiel auch in den Boutiquen besser verständigen“. Flo findet das Argument zumindest überlegenswert.

Nach ein paar Minuten geht die Verbindungstür auf und ein älterer, etwas beleibter, distinguiert aussehender Herr mit graumeliertem Haar und dunklen, ausdrucksvollen Augen erscheint im Türrahmen und sagt auf Deutsch: „Herzlich willkomme in Genova, Familia Lindner. Ich freue, ihre Bekanntschaft machen zu können. Ihre Onkel kannte ich sehr gut. Ich ware in Freundschaft mit Ihre Onkel gebunden. Auch für mich ist der Grund von unsere Zusammenkunft eine traurige“. Er schaut ernst und betrübt in die Runde. Signore Palmiotta hat für Giorgio etwas von einem italienischen Granden. Er führt jetzt die vier Lindners, die rundliche Dame und den mittelalterlichen Herrn in sein Büro. In diesem eleganten, großen Raum mit wunderschönen Nussbaum Vertäfelungen, hat man einen majestätischen Blick über den alten Teil des Hafens und das Meer.

Vor dem Fenster steht ein großer repräsentativer Schreibtisch mit einer dunkelroten Lederplatte. Vor dem Schreibtisch sind in zwei Reihen jeweils vier antike Nussbaum Stühle aufgebaut. Auf dem Stuhl ganz links sitzt bereits ein elegant wirkender Herr um die 30, der bei ihrem Eintritt aufsteht und sich in fehlerfreiem Deutsch als „Signore Alfredo Bertoni“ vorstellt. Als vereidigter Übersetzer wird er das notwendige Prozedere sowie das Testament ins Deutsche übersetzen. Der mittelalterliche Herr wird als „Alberto Manzzi“ und die rundliche Dame als „Laura Falconi“ vorgestellt. Welche Funktion diese beiden haben, ist Giorgio zunächst noch rätselhaft. Alle werden von Signore Palmiotta zum Sitzen aufgefordert und er beginnt mit der Einleitung in Italienisch, die jedoch sofort von Signore Bertoni Simultan übersetzt wird. Wie Giorgio richtig vermutet, müssen zunächst von allen Anwesenden die Ausweise überprüft und die Namen und Nummern in ein Register eingetragen werden.

Dann wird Signore Palmiotta feierlich und verkündet: „diese Testament Verlesung wird behandelt nach italienischem, internationalem Privatrecht vom dritten Juni 1995. Demzufolge ist für die erbrechtliche Betrachtung die Staatsangehörigkeit des Erblassers ausschlaggebend. Ist der Erblasser ein Mehrstaatlicher, also hat er mehr als eine Staatsangehörigkeit, wie in dieses Fall, Signore Lindner hatte deutsche und italienische Staatsangehörigkeit. Danach und nach Artikel 46 von italienisches Erbrecht, wurde vom Erblasser festgelegt, dass italienische Erbrecht zur Anwendung kommt. So kommt auch italienische Erbschaftssteuer Recht zu Anwendung.“

Er macht eine Pause, hebt prüfend die Augenbrauen und vergewissert sich, ob auch alle geistig mitgekommen sind. Offensichtlich zufrieden fährt er fort. „Für sie, Familia Lindner sein das von großes Vorteil, da im Oktober 2001 die Erbschaftssteuer in Italien abgeschafft wurde und auch das Deutsch- Italienische Doppelbesteuerungsabkommen auf Erbschaftssteuer nicht Anwendung findet“. Max hört verwirrt, aber gebannt zu und kann förmlich die Luft vor Spannung knistern hören. Diese Erklärung vorausgesetzt“ doziert Palmiotta weiter „verlese ich, Alessandro Palmiotta, Notario in Genova, via Vittorio Emanuele 17, zugelassen von italienische Notarkammer zu Genova, folgendes Testament, welches in meinem Beisein von dem, am zweiten August 2009 gestorbenen Vittorio Lindner, zuletzt wohnen –Viale Puccini 229 in Genova, am neunzehnten März 2003 geschrieben und in meine Büro bewahrt wurde.

Testament

Ich, Viktor, Albert Lindner, geboren am 29.März 1928 in Berlin und zur Zeit wohnhaft in Genua Viale Puccini 229 bestimme als meinen letzten Willen folgendes:

Mein Vermögen besteht aus meinem Haus in der Viale Puccini 229 in Genua, im Wert von ca. fünf Millionen Euro.

Da dieses Palazzo, mit sehr vielen Zimmern und dem großen Park, für eine Familie in der heutigen Zeit zu groß ist, bestimme ich, dass das Haus in ein Waisenhaus oder ein Haus für in Not geratene Kinder umgewandelt wird.

Zu diesem Zweck soll eine Stiftung, unter Mitwirkung von Notar Allessandro Palmiotta, gegründet werden.

Als Stiftungskapital soll zusätzlich zu dem Wert des Hauses mein Aktien- und Wertpapierdepot mit derzeitigem Wert von ca. 3,8 Millionen Euro eingesetzt werden.

Zum aus und durchführenden Organ bestimme ich den Leiter der Kinderhilfe Genua, Signore Alberto Manzzi, der mir seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden ist und bei dem ich sicher bin, das er diese Aufgabe ehrlich, zuverlässig und kompetent bewältigen wird.

Signore Manzzi strahlt wie ein Kronleuchter, angesichts der Ehre, die Ihm zu Teil wird.

Palmiotta liest weiter:„Meine wertvollen Antiquitäten, Bilder, Silberschmuck und sonstigen Möbel und Haushaltsgegenstände sind vor kurzem von der Versicherung auf ca. 3,6 Millionen Euro taxiert worden. Diese Gegenstände sollen alle versteigert werden und der Erlös der hiesigen Tierschutzorganisation – Pro Animale Genova – zur Verfügung gestellt werden.Die Gründerin, Signora Laura Falconi, die mir ebenfalls seit langem freundschaftlich verbunden ist, wird über den richtigen Einsatz des Geldes in meinem Sinne verfügen.“

Jetzt wird der Kronleuchter bei Signora Falconi angeknipst. Sie rutscht mit hochrotem Kopf aufgeregt auf ihrem Stuhl hin und her.

Und weiter liest der Notar: Mein Boot „Catalina“ welches im Hafen von Porto Maurizio liegt, soll der Sohn meines Bruders Walther, mein Neffe Georg, mit seiner Familie erben. Außerdem noch mein gesamtes, zum Zeitpunkt meines Todes, vorhandenes Barvermögen“. Hier wirft der Notar ein, dass das Barvermögen nach Abzug aller Kosten und Gebühren noch ca. 2,19 Millionen Euro plus Zinsen beträgt.

Giorgio und die Kinder sehen sich sprachlos an und verstehen zunächst mal gar nichts.

Palmiotta liest weiter: „Dieses Erbe ist jedoch an die Auflage gebunden, das mein Neffe und seine komplette, noch lebende Familie mit diesem Boot einmal um die Welt segelt. Er und seine Familie sollen ungefähr erahnen, wie das ist, in der Fremde zurecht kommen zu müssen, nur auf sich gestellt zu sein und sich auf andere Menschen und Kulturen einzustellen. Im Gegensatz zu dem, was mir in meiner Jugend widerfahren ist, wird mein Neffe nebst seiner Familie jedoch wenigstens finanziell abgesichert sein.

Aber vielleicht macht ihnen diese Herausforderung auch Spaß, ich wünsche es ihnen.

Sollte mein Neffe und seine Familie diese Reise nicht antreten, oder nicht vollständig durchführen wollen, verfällt das Erbe und die Catalina soll dann verkauft werden. Der Erlös aus dem Verkauf und das Barvermögen wird dann nach Gutdünken des Notars Palmiotta auf mehrere karitative Einrichtungen aufgeteilt“

Genua den 19.03.2003

Gez. Victor, Albert Lindner

Der Notar holt tief Luft, rückt seine Brille gerade und setzt sich wieder hin,

alle vier Lindners sitzen wie vom Donner gerührt da und fangen erst langsam an, das eben gehörte zu begreifen. Das heißt,“ beginnt Max: „wir haben irgendein Boot geerbt und rund zwei Millionen in bar, die wir aber nur bekommen, wenn wir mit diesem Kahn auf große Tour gehen?“ Giorgio sagt noch gar nichts und Flo will gerade loslegen, als der Notar noch einmal das Wort ergreift:

Damit sie ihre Erbe besser verstehen, ich morgen fruh möchte mit Ihre Familia nach Porto Maurizio fahren und diese Boot zeigen. Bei diese Fahrt können wir sprechen über alles. Sie haben dann Zeit zwei Wochen, ihre Entscheidung treffen, ob sie wollen Erbe annehmen oder nicht. Meine Vorschlag, ich hole sie um Neun Uhr fruh in ihre Hotel ab, d´accordo?“ Fragt er und Giorgio nickt.

Sie stehen auf, bedanken sich bei Signore Bertoni, der wirklich fließend übersetzt hat, drücken auch Signora Falconi und Signore Manzzi die Hand und murmelten „congratulazioni“ Dann verabschieden sie sich bis morgen von Signore Palmiotta und verlassen das Büro. Jetzt brauche ich dringend einen Schnaps“! Giorgio und auch den Kindern ist nach einer Stärkung zumute. So steuern sie eine Bar in einer der schmalen Altstadtgassen an und setzen sich in eine Ecke. Pia findet als erste Worte und meint: Also, dass Dein Onkel sein Vermögen für ein Waisenhaus und den Tierschutz stiftet, finde ich toll und schwer in Ordnung. Aber was steckt dahinter, das er uns zwingen will, mit so einem Segelboot um die Welt zu segeln? Stark finde ich schon, dass wir, wenn wir das nicht machen, gar nichts bekommen. Nach dem Motto friss Vogel oder stirb!“ Sie hat sich in Rage geredet.

Flo unterbricht sie und fragt: „Hast Du gewusst, Giorgio, wie reich Dein Onkel war“? „Natürlich nicht, Flo, ich habe von ihm überhaupt nichts gewusst und vor allem nicht, was ihn zu so einem verrückten Gedanken bewogen hat“. Er nippt an seinem Grappa und sieht nachdenklich in die Runde. Max meint dazu: „Vielleicht erfahren wir morgen etwas mehr über die Hintergründe dieser bescheuerten Idee. Dieser alte Notar war doch mit Onkel Victor befreundet. Der wird ihm doch bestimmt irgendwann mal erzählt haben, was damals in seiner Familie passiert ist und warum er nach Italien gegangen ist. Wir müssen ihn morgen dazu ausquetschen!“.

Jeder hängt noch eine Weile seinen Gedanken nach, bis Giorgio schließlich vorschlägt: Damit wir nicht die ganze Zeit über dieses Thema grübeln, schlage ich vor, uns jetzt noch den Palazzo „Ducale“ anzusehen. Das ist einer der ältesten Paläste der Stadt aus dem 1300. Jahrhundert und gleichzeitig die berühmteste Kunstgalerie Genuas, wie Max ja bereits bei unserer Ankunft doziert hat. Viele berühmte Bilder, unter anderem von Rubens, Tassi und Caravaggio werden dort gezeigt und für Kunst habt Ihr Euch doch immer interessiert“. Giorgio und Charlotte hatten ihre Kinder von klein auf versucht, an Malerei, Architektur und Musik heranzuführen. Beide waren der Meinung, das Kunstverständnis eines der wichtigsten Bindeglieder für die Allgemeinbildung ist. Er hat den Eindruck, dass ihnen das auch gelungen ist. Jedenfalls stimmen alle drei spontan zu und machen sich auf, zur Piazza Matteotti.

Ausgiebig bewundern sie die alten Meister, die wundervollen Marmor Statuen und die herrliche italienische Architektur dieses alten Palazzo.

Ihre Gedanken schweifen jedoch immer wieder zu ihrer merkwürdigen Erbschaft, die sie einfach nicht verstehen können. Gegen sieben Uhr abends meint Flo schließlich, das ihr die Füße weh tun und schlägt vor: „lasst uns doch ein Taxi nehmen, ins Hotel fahren, noch eine Runde schwimmen und dann gepflegt dort zu Abend essen. Das Essen gestern Abend war so toll, das ich mir nicht vorstellen kann, woanders besser zu essen!“ Hast schon Recht, Flo, aber eigentlich will ich heute Abend mal eine Original italienische Pizza verdrücken. Vielleicht gibt es in der Nähe vom Hotel eine urige Pizzeria,“ hofft Pia.

Mädels, Ihr seid so blind wie ein Feuermelder!“ ereiferte sich Max. „Im Gewölbekeller neben unserem Hotel ist doch eine Pizzeria. Wenn die nur halb so gut ist, wie die Hotelküche, kann uns nichts Besseres passieren!“ Nach einem erfrischenden Bad im Meer sitzen die Vier nun fröhlich bei Pizza und einem leichten, ligurischen Weißwein zusammen. Sie genießen ihren Aufenthalt in bella Italia in vollen Zügen und denken mal nicht an das Testament.. Max seufzt, „Warum bekommen wir bloß in Hamburg nie so eine leckere Pizza, da könnt ich mich glatt reinlegen“! Der Rest der Familie ist der gleichen Meinung. Sie haben verabredet, das Thema Erbschaft heute Abend nicht mehr anzuschneiden, sondern den nächsten Tag abzuwarten und auf weitere Informationen von Signore Palmiotta zu hoffen. Nach dem Essen sitzen sie noch lange bei Cocktail´s auf der blumengeschmückten Hotel Terrasse, schauen aufs Meer hinaus und hängen ihren Gedanken nach.

Am nächsten Tag, auf der Terrasse beim Frühstück, genießen die Lindner´s die Morgensonne und Blumenpracht des Gartens, als Alessandro Palmiotta bereits eine viertel Stunde früher auftaucht und sich zu ihnen setzt. Er ist bester Laune, genehmigt sich einen Espresso und ein Croissant und plaudert eifrig drauflos: „Das muss Ihnen sein, sehr merke würdig vorgekommen, mit diese Testamente von Ihre Onkel. Aber ich werden heute Geschichte zu Ihnen erzählen, die ich erfahren habe, von ihm!“ „Ich war über 25 Jahre gute Amigo von Ihre Onkel und wir machen viel zusammen. Er waren nie verheiratet und hatte keine Bambini. So, ich habe viel erfahren, von seine Leben und er von meine Leben. So ich bin auch sehr traurig, das er ist gestorben.“

Giorgio und die Kinder hingen gebannt an seinen Lippen und hoffen endlich Licht in die Merkwürdigkeit des Testaments zu bekommen. Sie unterbrechen ihn nicht, sondern warten gespannt auf die Fortsetzung seiner Erzählung.

Also“ fährt der Notar fort: „Vittorio, Ihre Onkel ist in Berlin 1928 geboren und wurde als junge Mann von 15 Jahre in Krieg noch zu Verteidigung von Heimat verpflichtet. Darum, er hat gemacht, erst mit 23 Jahre sein Abitur 1951. Da, er war befreundet mit eine Mädchen, hieß „Else“. An eine Tag, Else sagte zu ihre Eltern, sie bekomme eine Kind. Das Kind solle sein von Vittorio. Aber Vittorio hatte mit Else keine coito, wie heißen in Deutsch“? fragt er. Giorgio vermutet: „keinen Geschlechtsverkehr“ „richtig“ fährt der Notar fort: „Else behaupten es aber immer wieder zu Ihre Eltern und Eltern von Vittorio und alle Amigo, in diese Viertel. Er beschwor, es nicht sein gewesen, aber ihm niemand hat geglaubt. Eltern von Vittorio waren sehr gebost auf ihn und wollten, er solle heiraten diese Else und sorgen für seine Kind. Vittorio war sehr getäuscht von seine Eltern, das sie ihm nicht haben geglaubt. Alle anderen Amigo´s haben auch nicht geglaubt ihm und da er beschloss, zu gehen weg und eine neue Leben zu fangen an. Er wusste, er nicht können bleiben in Deutschland, da Polizei ihn vielleicht suchen, wegen bezahlen für diese Kind. Es merkwürdige Zeiten gewesen damals“.

Palmiotta macht eine Pause, holt sich noch ein Croissant und einen Espresso, setzte sich wieder und fährt fort: „Er dann gegangen nach Svizzera, nach Rapperswil am Lago Zurigo und hatte gefunden eine Familia, wo er konnte wohnen und lernen Ökonomia in eine Holzhandlung. Er war klug und hatte schnell gute Positione in diese Firma.

Diese Firma haben gehabt gute Kontakte zu Werften in La Spezia und Genova und Vittorio durfte fahren oft mit dahin. So er haben gefunden selbst Kontakte zu Firmen in Hafen von Genua und lernen schnell italienisch und dann bauen er eigenes Firma hier in Genova auf. Er handeln mit viele Sachen für Schiffe. Das ist dann die größte Organisatione für Schiffe Zubehör und Ausrüstung in Norte Italia geworden. Damit er wurde eine reiche Mann und hat seine Organisatione verkauft erst vor zehn Jahren und ist viel gefahren dann mit seine Boot und manchmal ich auch gefahren mit ihm!“

Er macht wieder eine Pause und stopft sich nachdenklich ein drittes Croissant hinein „Besonders traurig ist, das seine Eltern ihm haben nie verzeihen, diese Kind, was nicht war seine Kind. Viele Jahre, die Eltern von Vittorio waren schon gestorben, er haben gehört, von eine Unfall mit dieses Kind und Kind brauchen da ganz schnell eine Niere zu spenden. Erst da, Else haben die Wahrheit gesagt und richtige Vater von diese Kind genannt um von Ihm bekommen diese Niere. Else haben immer Vittorio genannt als Vater, weil sie wollen ihn und nicht diese Bandito, der war wirkliche Vater. Aber das, eben der falsche Weg. Vittorio war von seine Familia so enttäuscht, das er nie mehr gefahren ist nach Germania und er wollte, dass seine Erbe ungefähr auch weiß, wie das sein soll in fremde Länder mit fremde Menschen und können verstehen, wie er sich haben einsam gefühlt damals!“

Er steht unvermittelt auf und ruft: „Wenn jetzt alle mit Fruhstück seien fertig, ich schlage vor, jetzt wir fahren los nach Porto Maurizio und sie dann können sehen das Erbe, um dann können zu treffen Entscheidung!“ Giorgio und die Kinder gehen still hinter ihm durch die Halle zum Parkplatz. Er steuert direkt auf einen großen Range Rover zu. „Bitte einsteigen, wir ungefähr fahren eine Stunde und eine halbe bis Porto Maurizio!“ Und schon fädelt er sich geschickt in den lebhaften Genueser Verkehr ein. Giorgio muss neidlos anerkennen, dass der Notar mit seinen 69 Jahren sicher und souverän fährt.

Dann denkt er an das eben gehörte und versteht plötzlich die Beweggründe für diese merkwürdige Klausel viel besser. Aber dennoch bleiben noch viele Fragen offen. Warum hat unser Onkel sein Boot denn so weit weg von Genua liegen?“ reißt Flo ihn mit ihrer Frage aus seinen Gedanken. „Vittorio hatte gehabt, bis vor vier Jahre eine kleine, aber sehr schöne Casa in den Ligurischen Bergen, bei Dolcedo, mit viele Oliven und Wein. Er verkauft dann diese Casa, weil ihm wurde zu viele. Wir oft von dort Fahrten gemacht mit der Catalina. War immer sehr schön“.

Auf Pias schöner Stirn schlängeln sich zwei Falten. Diesen Gesichtsausdruck hat sie immer, wenn sie traurig ist oder sie etwas bedrückt. Armer Onkel Victor, was muss das für eine schlimme Jugend gewesen sein. Erst wurde er noch in den Krieg verwickelt und kaum war er zurück und freute sich auf sein Studium oder Berufsausbildung, da wird ihm ein Kind angehängt und seine eigenen Eltern glauben ihm noch nicht mal seine Unschuld“, meint sie traurig. Ja, Pia, das muss furchtbar für einen Jungen gewesen sein, der gerade so alt war wie Max jetzt. Ich kann das alles kaum glauben. Aber man muss natürlich auch bedenken, dass es damals noch eine ganz andere Zeit war, gerade was uneheliche Kinder anbelangte“, versucht Giorgio eine Erklärung. „Es gab wesentlich mehr Tabus, das Thema Sexualität wurde eher verklemmt behandelt und Aufklärung war auch noch ein Fremdwort!“

Aber Deine Großeltern hätten doch Onkel Victor vertrauen müssen, wenn er schwört, dass er es nicht war“, mischt sich Max jetzt ein. Ja, eigentlich hätte es so sein sollen, aber wir kennen leider nicht alle Details, jetzt nur die Version von Onkel Victor. Was tatsächlich vorgefallen war und ob es diesen Vertrauensbruch wirklich gab, oder ob Onkel Victor einfach nur überreagiert hatte, werden wir leider nie mehr erfahren, da keiner der dabei war noch lebt“, raunzt Giorgio mit belegter Stimme.

Nun, sie schauen sich auch mal unsere schöne Landschaft an, bitteschön!“ versucht Signore Palmiotta abzulenken. „Wir jetzt fahren an der Blumen Riviera entlang. Strasse führen über Alassio, Diano Marina, Imperia nach Porto Maurizio. Danach kommen noch San Remo, Bordighera und dann die Grenze zu France und dahinter gleich Monte Carlo. Hier wachsen viele Blumen, gutes Vino und Olio Oliva, auch berühmt!“  Er hält inne und flucht auf Italienisch, weil ihm ein Lkw die Vorfahrt genommen hat. Langsam verfliegen auch die trüben Gedanken bei der Familie Lindner und man genießt die schöne Landschaft. Sie fahren nicht über die höher liegende Autostrada, sonder immer direkt am Meer entlang. „Die Autostrada sein schneller, hat aber hier viele Tunnel und man nicht können sehen schöne Landschaft“, meint der Notar.

Alassio taucht vor ihnen auf und die Palmen gesäumten Alleen, die vielen, üppig blühenden Blumenbeete und bunten Straßen Cafés begeistern sie so, das Palmiotta den Vorschlag macht, kurz anzuhalten und einen Espresso zu trinken. Der glutäugige Kellner ist freundlich und verschlingt die hübschen, deutschen Signorinas fast mit verliebtem Blicken. Er versucht mit ein paar Brocken Deutsch einen Flirt zu entfachen, stößt aber bei Pia und Flo auf Granit. Sie sind noch viel zu stark mit Onkel Vittorios Vermächtnis beschäftigt. Wollt Ihr nicht hier bleiben“ neckt Max seine Schwestern. „Wir holen Euch auf dem Rückweg wieder ab. Dann könnt Ihr hier die Deutsch Italienische Freundschaft vertiefen. Da werdet Ihr bestimmt noch was lernen“.Halt die Klappe, Du Elch“, zischt Flo ärgerlich. Der Notar lachte und rief „Conto, prego“. Der verliebte Kellner bekam ein üppiges Trinkgeld und schaut Pia und Flo, als sie gehen, mit schmachtendem Blick lange hinterher. Sind die hier alle so drauf? Das kann dann ja heiter werden!“ will Pia wissen. Tut doch bloß nicht so, als würdet Ihr das nicht genießen“ entrüstet sich Max, der Frauenversteher.

Nach gut zwei Stunden Fahrtzeit, inklusive der Espressopause kommen sie schließlich im Hafen von Porto Maurizio an. Palmiotta stellt den Wagen direkt an die Kaimauer und steigt aus.

Fortsetzung folgt jeden Freitag …

Bitte um etwas Geduld, es klappt leider noch nicht so wie ich es gerne hätte…